Cristina Messnik  

                                                                                         

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Theater

 Short film

I.

Intro

Nichts wird von uns verlangt.
Kein Beweis, kein Schwur.

Denn was wir fühlen, ist vielleicht nur ein listiger Gedanke –
eine geniale Täuschung, die uns begleitet
wie eine verborgene Kapellmeisterin.

Sie hebt den Taktstock und wir folgen.

Stürmisch, verführerisch
wir sagen zu allem Ja,
um ihr zu gefallen.

Doch vielleicht steht sie nicht auf der Bühne.
Vielleicht steht sie im Wald.
Unter der Erde 
baut sie ihrem Geflecht, 
Noten die stumm sind 
aus Fäden und Sporen
Wurzel und Schatten 
zwischen den Stämmen.

Und wir, oben im Licht 
Wie knien nicht –
sind längst auf den Knien.

Und das Seltsamste:
es scheint uns zu gefallen.


II. 

Zwei Freunde bei einem Glas

„Sag mal — hat dir schon einmal jemand gesagt,
dass selbst “ungiftige” Pilze dazu neigen zu vergiften?“

„Was redest du da?
“Ungiftige” Pilze sollen vergiften?
Allein dieser Gedanke, besser gesagt diese Absurdität, 

bringt mich zum Lachen.
Hast du etwas gegessen, das dir nicht bekam?“

„Ich scherze nicht.
Ich glaube es.“

„Wer so etwas glaubt, ist verloren.“

„Und worauf stützt du dein Urteil?“

„Darauf, dass ich dich verloren sehe.“



Stille. Ein Schluck.


„Wie gerne wäre ich ein Myzel“, sagt der eine leise,
„ein Körper im Dunkel unter der Erde,
versteckt unter der schimmelnden Haut der Menschheit.
Unsichtbar.
Nur verbunden mit Wurzeln.
Nur damit beschäftigt,
Sporen zu senden.

Vielleicht sogar giftige.
Vielleicht würde ich lachen über die Sterbenden –
wenn sie mich nicht zuvor zertreten,
mit ihren klobigen Füßen.“

„Und was lässt dich glauben,
du könntest ein Myzel sein?“

„Die Sehnsucht,
oder der Wunsch zu verschwinden.

Diese Welt bleibt mir im Hals stecken.
Sie schmeckt nach Fäulnis.
Ich ertrage mich selbst nicht mehr
in dieser Haut, in der ich stecke.
Vielleicht war sie einst meine,
jetzt auf keinen Fall.“

„Du redest wirr.“

„Wenn so wäre,
hätte ich dich längst vergiftet.“

„Heißt dass, 
muss ich mich jetzt von dir fürchten?“

„Das ist dein Problem.“


Ein weiterer Schluck.


„Ich fühle mich von der 
“sogenannten” Wirklichkeit gelöst.
Je mehr sie mich abstößt,
desto stärker 
zieht mich das Darunter an.

Ein Pilzherz möchte ich sein –
klein, verborgen,
unter der Erde arbeitend.
Netzwerke webend zwischen Wurzeln,
verwandt mit ihnen werden, 

für deine Augen unsichtbar 

und doch so unverzichtbar unter der Erde.

Vielleicht ein Riese dort,
lebendig unter der Oberfläche
und “Inkognito” darüber.

Ich würde meine Haut abstreifen,
Schicht um Schicht,
bis nur noch Kruste bliebe
als Schutz vor allem Irdischen.

Nur ich würde den nussigen Duft spüren
und Jod würde mich nähren.“

„Glaubst du das wirklich?“

„Was sonst. Ich lüge nicht.“

„Du verlierst den Verstand.“

„Ah, wie schön das wäre....“

„Na dann, zum Wohl!
Und denk nicht an die Unsterblichkeit.
Lass sie doch kommen, wenn sie will.“

“Warum nicht...”

„Umso besser.
Dann musst du sie nicht 
zum Trinken einladen.“



Ein schiefes Lächeln.


„Du verstehst nicht.
Ich rede von Transzendenz.“

„Transzendiere, so viel du willst
aber bezahl diese Runde,
bevor du dich verwandelst.“

„Ich fürchte mich vor der Exponierung.“

„Wovor genau?“

„Vor alles:
Vor Atem.
Vor Hunger.
Vor Angst.
Vor Grausamkeit.
Vor Tod.“

„So ist es immer.“

„Nein!
So waren WIR immer.
Du merkst es nur nicht.“

„Deshalb sind wir hier.“

„Nein!
Deshalb verstecke ich mich
in aller Öffentlichkeit.“

„Man kann sich nicht verstecken.“

„Doch!

Nicht hinter den Mauern.
Sondern in dem man leiser wird.
In dem man aufhört,
gesehen werden zu wollen.
In dem man aufhört,
zu antworten.



Pause.



Verpflichtungen liegen mir schwer.
Man ist gebunden.
An Körper.
An Erinnerungen.“


„Das ist eine Illusion.“


„Nein!“
Es ist Resignation.“


„Das klingt nach Niederlage.“


„Nein! 
Nicht Niederlage. Warten.
Warten darauf, 
dass sich etwas verändert.
Ich rede von Entzug.
Vom Durchscheinendwerden.“


„Dann willst du verschwinden.“


„Nein! 
Ich trete ein Schritt zurück
aus meinem eigenen Umriss.
Die Welt bemerkt es nicht.“



Nach einer Weile.



„Jetzt hast du mich angesteckt.
Wenn wir alle so dächten,
müssten wir uns gegenseitig vergiften.

Zum Wohl!“



Ein langsames Nicken.



„Das tun wir längst, mein Lieber.
Deshalb träumen manche davon,
unsichtbar zu werden.“





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